| Handwerk im Wandel der Zeit |
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„Handwerk im Wandel der Zeiten“ mit einem kleinen Ausflug in die Welt der meisterlichen Badekunst. (Ein Beitrag von Heinz Hasenkamp, Geschäftsführer von Hasenkamp GmbH Sanitär Heizung Klima).
Meine lieben Damen und Herren,
ich möchte Sie heute gern mitnehmen in die Ursprünge und die Entwicklung des Handwerks.
Eine Rede über die alte Handwerkstechnik ist ein Lob für den modernen Menschen:„Schaut, was die Alten schon konnten! Aber all dieses Staunenswerte, was ist das, verglichen mit dem, was wir heute können!“.
So verfolgen wir eine Linie des Fortschritts, die nicht zu leugnen ist und die wir unbedenklich weiterführen, zu technischen Besserung der nächsten Generationen, zu reinen Wunschträumen für kommende Jahrhunderte. Doch mit dem Fortschritt ist das so eine Sache. Wir werden später noch sehen, dass gerade das Handwerk eine Rückbesinnung auf bewährte Sichtweisen zulässt, ohne altbacken zu sein. Es ist durchaus möglich, dass es neben der geraden Linie des Fortschritts auch ganz andere Kräfte gibt, die im Leben eine gleich große oder gar größere Rolle spielen. Ein solcher Gedanke ist uns nämlich zunächst unangenehm, denn wir mögen keine Bremsen im raschen Tempo.
Beispielsweise kannten die Armenier schon früh Spitzbogen, wussten ihn aber nicht nützlich anzuwenden. Oder nehmen Sie ein Beispiel aus meiner Branche: Die Zentralheizung wurde schon um 1200 v. Chr. In Anatolien erfunden, erneuert um 80 n. Chr. Von einem Römer, der Fische und Austern im Winter züchten wollte, zum dritten Mal im 18. und 19. Jahrhundert, stieß dann allerdings selbst in England auf zähen Widerstand. Die Gentlemen bevorzugten einen eiskalten Rücken, um lieber vorne zu glühen und in die lodernde, Phantasie anregende Flammenglut des offenen Kamins zu schauen. Sie sehen es gibt viele Menschen, die unseren Fortschritt nicht sehr fortschrittlich einschätzen.
Um 600 n. Chr. Werden dann gleich drei Erfindungen bedeutsam: die Schmiede, das Segelschiff und der Steigbügel. Es geht hier nicht darum, dass andere Völker sie schon viel früher erkannt haben. Unser modernes Patentamt-Denken verwirrt uns. Wesentlich ist, dass diese drei in kurzer Zeit zusammen wichtig werden und was dahinter steckt.
Aus der Anonymität der dörflichen Mühen tritt der Schmied hervor als mythische Gestalt und Berufskönner mit einer gesteigerten Produktion an Schwertern, Speerspitzen, Äxten, Rüstungen, Helmen, auch an Messern, Beilen, Pflugscharen. Das heißt Rodung in den Wäldern und Gebirgstälern, wie wir sie nachweisen können, neue Siedlungen, Bevölkerungszuwachs, kampfbereite Männer, die sich nicht mehr erdrosseln lassen, sondern anfangen Selbstbewusst den Lauf der Zeit mitzubestimmen.
Noch um 400 n. Chr. Ruderten die Menschen in Schiffen. Um 600 n. Chr. Ist die in ihrer Art unübertroffene Erfindung des Wikingerschiffes gemacht, das kurz danach in die Welt ausgreift, über die Ostsee und durch Russland bis an das Kaspische und ans Schwarze Meer, über die Nordsee nach England und Irland, auf dem Ozean nach Island, Grönland und Amerika, an Europas Westküste entlang bis ins Mittelmeer, alle vier Weltteile anlaufend. Auch hier gilt: Der Seekapitän kontrolliert selbst sein getakeltes Schiff mit dem Steuerruder fest in der Hand und nun mit dem wütenden Drachen in Fahrtrichtung am Steven!
Der Steigbügel verleiht dem Reiter eine ähnliche Erhabenheit über die schnaubenden Pferdekräfte unter ihm. In Rüstung und Helm ist seine Vorstellung von sich selbst eine gänzliche andere geworden. Sie erkennen sicher was hier geschieht: Es geht voran!
Der Mensch lebt nicht mehr in klobigen, finsteren Behausungen, sondern in dem anstrebenden Hallenbau der Wikingerzeit. Nach dem Übergang zum Christentum baut er sogar die Stabkirche. Aufrechter geht’s fast nicht mehr! Auf weiten Fahrten lernt er von den Arabern die Damaszenerklingen kennen, von syrischen Schmieden in Damaskus hergestellt; aber es geht nicht um einen Wettlauf an handwerklich ausgeklügelten Neuerungen, wie wir so oft glauben wollen, sondern um das, was innerlich zusammenpasst.
Was in einer Kultur zusammenpasst, entscheidet, welche Erfindungen gemacht und welche technischen Leistungen gefördert werden. Ich will Ihnen das an der umgekehrten Fragestellung deutlich machen: Wieso kommt es zeitweilig zu keinen technischen Leistungen?
Der spanische Philosoph und Soziologe Jose Ortega y Gasset schreibt: „Der Buddhist strebt danach, nicht zu leben oder so wenig zu leben wie möglich. Er wird seine Nahrung auf ein Minimum beschränken – das ist schlecht für die Technik der Ernährung. Er wird nach äußersten Unbeweglichkeit trachten, um sich in der Meditation zu sammeln. Es ist wahrscheinlich, dass dieser Mensch, der sich nicht bewegen will, das Automobil erfindet. Hingegen wird er Techniken erfinden wie die der Fakire und der Yogis, der Ekstase, der Unempfindlichkeit, der Katalepsie und der Konzentration.“
Nun ist Technik nicht nur Erfindung, sondern auch Fleiß und handwerkliches Können. Da gab es im Mittelalter eine verhältnismäßig große Bewegungs- und Entwicklungsfreiheit. Wo der Vatikan steht, dreht sich in der Spätantike die Wassermühlen, aus denen die Römer ihr backfertiges Mehl holten. Andere Wasserräder trieben Schmieden und Sägewerke. Diese nützlichen Helfer wurden im christlichen Abendland übernommen und gelegentlich in der Konstruktion verbessert, denn mit Handmühlsteinen kann eine Dienerin nur Mehl für acht Personen mahlen, das Wasserrad schafft dagegen zwölfmal so viel.
Handspinnrad, Trittwebstuhl und Zugwebstuhl sind Erfindungen, die die Römer nicht kannten. Ingenieure gab es nicht. Anonyme Architekten und Steinmetzen arbeiteten ohne eigentliche Pläne, aus Intuition und praktischer Erfahrung. Das handwerkliche Experimentieren gab das erfinderische Tempo an. Es stellt einen eigenen Wert dar, der sich in der heutigen Bewunderung für alte Bauwerke bemerkbar macht. Allerdings genügt nicht das bloße Einfühlungsvermögen in den handwerklichen Stoff. So mancher kühne Bau stürzte ein durch einen Mangel an statischen Berechnungen, ebenso wie manche Schiffe beim Stapellauf versanken oder beim ersten Sturm zerbrachen.
Scharfen Kontrast zu der damaligen Dürftigkeit medizinischer Forschung leistete das Mittelalter sein Allerbestes in der Herrlichkeit aufstrebender gotischer Dome. Das Handwerk boomte und die damalige Vorstellungswelt begünstigte den Kirchenbau. Gerade dies zeigt, dass es den Menschen auf manch anderen Gebieten nicht an Fähigkeiten, sondern an Interesse fehlte. Es galt, Gottvater im Himmel zuzustreben. Auf dem Mensch lastete die Bürde seiner argen Sünden und nichts schien ihm angelegener, als die Druckentlastung zu ermöglichen. Dazu diente ideal der Spitzbogen, mit dem die Armenier wie gesagt nichts Besonderes hatten anfangen können. Er gliederte den steinernen Druck in Rippen, Säulen, Strebepfeiler, bis die schwere Wand der Kirche aufgelöst war in lauter Durchlässigkeit und Licht. Für diese Menschen war es das innere Leuchten der Seele, das sich in den farbigen Kirchenfenstern spiegelte und auf dem Goldgrund der heiligen Bilder wiederkehrte.
Folgerichtig erfanden die Handwerker auch um 1300 die Brille – wie das Wort besagt aus dem Edelstein Beryll. Für den Kalender interessierten sie sich, um das Osterdatum festzustellen und für die Einteilung des Tages. Die ersten mechanischen Uhren fanden in allen anderen Städten ihre Nachfolger und es kam zu einer wahren Begeisterung für die Uhrzeit. Damit allerdings wurde der Tag nicht mehr in ungleich lange Einheiten für Arbeit, Gebet und Mahlzeiten gegliedert und bedauerlicherweise: Die Zeit umhüllte nicht mehr den Menschen in seinem rhythmischen Tun, sondern der Mensch richtete sich nach der Zeit. Er fing an, sich äußeren, messbaren und gleichlangen Einheiten anzupassen. Damit begann sich seine Blickrichtung von innen, von sich selbst als Mittelpunkt der Welt, nach außen zu verändern, zu einer äußeren Wirklichkeit, die ihm total unbekannt geblieben war.
Plötzlich hatte jeder eine bis dahin nie gekannte Distanz zu dem Raum, in dem er lebte, jeder seinen ganz persönlichen Standpunkt, unterschieden von dem Standpunkt jedes anderen Menschen. Allerdings verwandelte sich das Runde, Ganze, in dem die Menschen sich bis dahin geborgen gefühlt hatten, zu einer Linie, die in einem immer mehr entfernten Fluchtpunkt endete. Und sehen Sie: Das war der Anfang von dem hoch gelobten „Fortschritt“, der uns heutzutage bis in ein endloses Universum führt, fast möchte man sagen – zwingt. Gleichzeitig hatte ein waches Studium der technischen Vorgänge in allen Handwerken begonnen und wurde jungen Prinzen als Ausbildungszweig vorgeschlagen, Folg einer neuen Achtung und Wertung. Von Bedeutung wurden alle physischen Eigenschaften, die sich messen und wiegen lassen. Die Idee war zuerst da und rief die Erfindung der entsprechenden handwerklichen Geräte hervor, nicht umgekehrt! So bei Teleskop, Mikroskop, Pendeluhr, Thermometer usw. Venedig erließ 1474 ein Patentgesetz und seitdem haben wir uns daran gewöhnt, nach dem Erfinder zu fragen, während wir die Frage nach der inneren Harmonie neuer Techniken versäumen. Ingenieure traten aus der Anonymität hervor, gelehrte Gesellschaften förderten sie, das erste Forschungsinstitut wurde 1560 gegründet, die erste Industrieausstellung fand in Nürnberg 1678 statt.
Nur in einem Punkt streiften die Männer des klaren , rationalen Denkens das eigentliche biblische Weltbild und in diesem Punkt kam es auch zu gefährlichen Auseinandersetzungen. Giordano Bruno wurde 1600 auf dem Scheiterhaufen verbrannt, angeblich aus rein formalistischen Gründen, Keplers Mutter drohte das gleiche Schicksal und Galilei musste seine Thesen demütigend abschwören. Eigentlich war nichts geschehen, nur dass Erde und Sonne ihren Platz gewechselt hatten. Die Erde blieb rund, nun allerdings nicht mehr als Scheibe, sondern als Kugel. Mensch und Gott verweilten noch immer im Mittelpunkt des Universums. – Was man aus innerer Scheu noch nicht wagte, vollzog sich erst im 19. Jahrhundert unwiderstehlich: das biblische Weltbild wurde zertrümmert, verneint oder als Symbol isoliert. Noch stehen wir mittendrin in dem Prozess mit seiner resend schnellen, fortschrittlichen Entwicklung.
Doch will ich Ihnen noch eine weitere These auszeigen. Handwerkliche Technik ist freilich noch viel mehr als all das Gesagte. Der Mensch erhält gerade durch die Technik sichere Stützen. So bieten die alten Zünfte bieten ein gutes Beispiel. Der Handwerker saß mit einem Kloben Holz und einem Messer in der Hand, oder er stand vor einer Drehscheibe mit dem Ton für ein Gefäß. Hier wurde noch der natürliche Bedarf des Körpers nach Bewegung wurde befriedigt bis zur abendlichen Müdigkeit. Die Handgriffe verliehen dem Mann Harmonie und Wohlbehagen und heute oft herbeigesehnte Ausgeglichenheit. Gleichzeitig befriedigte der Gegenstand selbst, der zwischen den Händen schöne Gestalt annahm. Darin lag sehr viel von persönlichem Stolz und auch sehr viel von Spielfreude und künstlerischem Schaffen, zwei Eigenschaften der Seele, wie ausgelebt werden wollen. In der Schönheit alter Gegenstände können wir es nachspüren, sonst würden wir sie nicht in Museen horten und ausstellen, sie nicht im Urlaub bevorzugt aufsuchen. Darüber hinaus boten die Zünfte noch viel mehr als das. Sie bildeten Intimgruppen für den handwerklichen Fleiß, wo jeder mit dem Temperament des anderen vertraut war, jeder auch seine Fähigkeiten am anderen messen konnte. Der persönliche und regelmäßige Kontakt inspirierte und erfreute. Die Männer waren eingeteilt in Lehrlinge, Gesellen, Meister und Altmeister. Für den Wanderbedarf der Jugendlichen war gesorgt. Das Gefühl für Aufstieg und Rangordnung wurde befriedigt. Ranghöher fühlten sich nur noch die Adeligen und die alten Feudalfürsten. Sie konnten reiten, fechten, lesen, schreiben, Politik und Diplomatie ausüben. Dies war nicht nur ein Privileg, das sich eine Menschengruppe verschafft hatte.
Das ganze System lag fest verankert im Rahmen der patriarchlischen Ordnung. In der Zeit mit geringerem Ich-Bewusstsein der Menschen hat diese Gliederung mitunter befreiend und stützend gewirkt. In den vielen Situationen, auf die der menschliche Instinkt überhaupt nicht reagierte, wusste jeder sofort mit Hilfe der technischen und sozialen Ordnung, wie er zu reagierte hatte. Die Hauptaufgabe der handwerklichen Technik ist, uns allen ein Handlungsschema zu liefern, das unser Seelenleben befriedigt. Die Technik schmiegt sich hinein in unser tägliches Denken, prägt die Handbewegung des Steinmetzen, Töpfers und Goldschmiedes, die Vorstellung von Handwerkern und Industriearbeiter, prägt Rangordnung und Selbstverwirklichung, Vorstellungen, die uns obendrein nur teilweise bewusst sind, die unmerklich und deshalb um so sicherer wirken. Einschmiegsam sind sie immer dann, wenn seelische Vitalkräfte ausgelebt werden.
Damit wird uns das Rätsel leicht verständlich, wieso die moderne Maschinenwelt und damit der technische Fortschritt das meiste der alten Kunst und Religion beseitigen konnte. Oft ist nur ein schlechtes Gewissen übrig geblieben: man müsste mehr Konzerte hören , mehr Ausstellung besuchen, mehr als ein Prozent für die Verschönerung moderner Bauten ausgeben, mehr gute Bücher lesen, öfter in die Kirche gehen. Und zwar weil die moderne Technik der Menschen genau sagt, was er tun soll: Zahl der Arbeitsstunden, die Handgriffe, die Fahrten zum Arbeitsplatz, abendliches Fernsehen, Pauschalreisen im Urlaub, alles im Rahmen einer fortlaufend gesteigerten Produktion, die uns als das Wichtigste erscheint und einer weltoffenen Beweglichkeit, die uns langsam bewusst wird. Welche Vitalkräfte befriedigt werden, wissen wir im Grunde genommen nicht, nur das Kunst und Religion weitgehend aus dem festen Verband von früher herausgelöst und ästhetischer Genuss, Hobby, Überflusstaten geworden sind.
Die Technik hat uns ganz anders im Griff als früher. Von dem Harmoniebündel der Innerlichkeit, das zur Zeit in uns wirksam ist, sind uns nur wenige Begriffe bewusst. Aber ich hoffe doch, dass es vielleicht ist die Aufgabe unseres klaren Verstandes ist. zu erkennen, welche früher befriedigten seelischen Kräfte jetzt als Unlust und Zeitkrankheit rumoren. Vielleicht gelangen wirklich neuschöpferische Kräfte zum Durchbruch aus ihrer eigenen Dynamik heraus.
Nun kommen wir auch zu dem letztlich doch unvermeidlichen und handwerklich geschaffenen Faustkeil, den ich nicht an den Anfang dieses Textes gestellt habe. Schon Affen und andere Tiere können sich solcher Geräte bedienen. Mit den Neandertalern war es längst soweit. Sie hatten schon die Sicherheit erworben, dienliche Arbeitsgerät in sofort erkennbaren Formen zu schlagen, für damals eine beachtliche technische Sicherheit der Handführung und Formgebung. Nun trat das Unerwartete ein, worauf Konrad Lorenz aufmerksam gemacht hat: Ein Neandertaler konnte einen Feind mit einem wohl gezielten Schlag des Faustkeils töten. Zuerst keine vorsätzliche Tötung. Das tun Lebewesen gleicher Art nicht; das hängt mit der Arterhaltung zusammen. Doch plötzlich lag einer tot da! Was war geschehen? Vielleicht ein unbeabsichtigter Jagdunfall? Oder Beginn eines Machtgefühles ungeahnten Ausmaßes? Diese früheste Technik hatte aber bei den Neandertalern bewirkt, dass die naturgegebene Balance und Arterhaltung erschüttert war. Nun konnte es nicht ausbleiben, um die natürlichen menschlichen Instinkte wiederherzustellen, dass ein Schutz eingelegt wurde gegen die wahrhaftig erschreckenden Folgen dieser ersten handwerklichen Technik und zwar durch das Gebot: „Du sollst nicht töten.“
Es klingt ungewöhnlich, aber der technische Fortschritt führte inzwischen vom Faustkeil über alle Waffen bis zur Atombombe. Damit erst zwingt uns die Technik selbst zu überlegen, wie wir unsere angestaunten Aggressivkräfte anders ausleben können. Wenn der Kavalier links von seiner Dame geht, liegt es an der Technik früherer Bewaffnung: Sein Degen musste frei schwenken können. Sehen sie nun tragen wir keinen Degen mehr und gehen doch noch immer links, doch wohl nicht, um an der Herzseite der Dame zu gehen, sondern aus Gründen einer fast vergessenen Technik. Ziehen wir aber vor ihr den Hut, so liegt das kaum an der Technik, sondern an einem Gefühl der Hochachtung.
Noch eins muss gesagt werden. „Die handwerkliche Technik ist die Anstrengung, Anstrengung zu ersparen.“ Steinzeitjäger und Weidevölker nahmen, was sie gerade fanden und benützen konnten, Feuerstein, Holz, Leder, Knochen, Gras und anderes. Nun geschah das Erstaunliche, dass aus zwei Gegenständen etwas ganz anderes werden konnte, z. B. indem man zwei Holzstäbe gegeneinander rieb. Plötzlich entstand des dienstwillige und zugleich gefährliche Feuer. Kein wenn diese Technik magische Riten und Mythen angeregt hat. Je weniger das Auffinden und Verarbeiten dem Zufall überlassen wurde, um so mehr kam es zu einer planmäßigen Arbeitsteilung. Manche wurden Schmiede, Tischler, Weber, Glasbläser, Töpfer usw. Sie gaben ihre Erfahrungen weiter an Söhne und Töchter, welche die Kunst schon im Spiel geübt haten und womöglich noch geheime Familienrezepte lernten. So kam es zu einem lang andauernden Trugschluss: Schneiderei ist eine Fertigkeit, die bestimmte, Schneider genannte Menschen besitzen, eine angeborene Begabung etwa wie Gehen, Schwimmen, Sprechen. Wir haften heute noch oftmals an der irrigen Auffassung, dass Begabungen für den ein oder anderen technischen Beruf angeboren wären. In Wirklichkeit stehen dahinter ganz anders geartete Prägungen in den Kleinkinderjahren. Ein Rest der alten Auffassung steckt noch in solchen Gesetzen, dass königliche Personen nur „königliches Blut“ heiraten sollten, als hätte es eine besondere chemische Zusammensetzung und Wirkung. Bis in die Neuzeit „war der Handwerker, gleichzeitig und unteilbar, Techniker und Arbeiter“, mit der Maschinenwelt wurde er in seine Bestandteile zerrissen. Jetzt wurden Ingenieure und Arbeiter getrennt. Nicht mehr individuell gefertigte Waren wurden fein geboten, industrielle Massenprodukte überschwemmten förmlich den Markt.
Die Fülle der heutigen Waren-Produkte gibt uns die Chance umzudenken und zu dem ursprünglichen Stadium zurückzukehren. Wir haben Geld und Zeit, um uns das auszusuchen aus der fortlaufenden technischen Produktion, was jeder einzelne mag und gebrauchen kann und will. Diese Idee ist uns freilich noch gar nicht recht bewusst geworden, denn noch müssen wir „alles“ kaufen und besitzen, was es auf dem Markt gibt, alles was der Nachbar auch hat.
Es wäre ein ziemlicher Schock für die moderne Werbung, würden wir nicht mehr auf sie hören, sondern höchst persönliche Wünsche aus unserem Inneren entfalten. Manches deutet an, dass wir die Blickrichtung abermals ändern müssen, umgekehrt wie im 15. Jahrhundert, von Außen, das wir in Sekundenbruchteilen messen und einschätzen, zu einer inneren Wirklichkeit und ZufriedenheiGerade hier liegt die Chance für das heutige Handwerk, ursprüngliche und persönlcihe Wünsche zu erkennen, zu wecken und zu befriedigen. Als Beispiel hierfür sei die „Badelust des Menschen“ angeführt. Baden ist eigentlich die reine Lust. Es ist erfrischend oder entspannend, anregend oder aufregend, beruhigend oder heilsam. Auch gerade in unserem Land traut man sich wieder zu, die schiere Lust an der Sinnlichkeit des Badens zuzugeben, ohne oberflächlich gehalten zu werden. Das Fließen von Wasser ist eine selbstverständliche, beruhigende, eine ewige Bewegung, störungsfrei, harmonisch und lebendig. Immer wird das Fließende als angenehm empfunden. Gerade das Sanitärhandwerk hat sich diese Sehnsucht des Menschen zu eigen gemacht und fängt an, ein neues Gespür für die wirklichen Bedürfnisse des Einzelnen zu entwickeln.
Weg von der „Einheits-Naß-Zelle“ zum individuellen Wohlfühlbad. Erlebnisbäder-eine Erfindung der späten 70er-, ein Erfolg der 80er Jahre- sind es nicht so sehr, denn eine verordnete Designlinie bringt es nicht, dieses Gefühl, zu fließen. Es sind vielmehr Bäder mit Vergangenheit, es sind Badetraditionen, die wieder belebt und kultiviert werden. Heilquellen und Thermalbäder, Geysire, Saunen und Dampfbäder, Hallenbäder mit schöner Architektur, ob alt oder neu. Auch was das Bad zu Hause angeht, ist eine deutliche Veränderung des Bewusstseins zu spüren. Und glauben Sie: Badezimmerausstatter sind darüber höchst erfreut. War das Bad durch den Karrierebedingten Zeitdruck für die meisten zur hygienischen Zweckseinrichtung degradiert worden, mit deren Hilfe man sich möglichst effizient erfrischen wollte, wird das Bad heute zum Naherholungsgebiet ausgebaut. Und auf einmal erscheint es vielen absurd, dass eine Summe, die man ohne zu zögern in einen Kleinwagen investiert, für den Raum, der soviel bietet, zu hoch sein soll.
Eigentlich wäre sie ein Reißer, die Geschichte des Bades. Und erst recht die des Badezimmers. Aber wenn mit lustloser Genauigkeit jedes archäologische und soziologische Detail erörtet wird, gerät sie zu einer langen, langwierigen und leider langweiligen Geschichte. Dabei lässt sie sich wunderbar abkürzen, wenn man erkennt, dass sich letztlich immer wieder dieselben Muster wiederholen. Das erste verläuft diachron, also in aufeinanderfolgenden Phasen. Und dieses Muster zeigt: auf eine Ära der Freizügigkeit folgt meistens eine der Prüderie, auf eine Epoche, die das Bad als gesund preist, eine, die es als schädlichen verteufelt. Und je freizügiger die erste war, desto prüder die nächste. Je euphorischer die erste, desto leidenschaftlicher die zweite. Nach den sinnlichen Exzessen der Badelüsternen im Rom des Verfalls kam prompt die Ära verklemmter Waschverbote. Auf die Warnung vor dem Bad als Brutstätte von Seuchen folgte seine Lobpreisung als Stärkungsmittel der Widerstandskraft.
Das zweite Muster verläuft synchron. Und dieses Muster zeigt, dass gleichzeitig extreme Gegensätze in der Badekultur nebeneinander existieren und weiter existieren werden. Traditions- oder typenbedingt. Beispielhaft geradezu, was die Kreuzritter aus der arabischen Badetradition machten. Erst auf ihren anstrengenden Berufsreisen in den Orient kamen die Burgbesizter auf die Idee, ein eigenes Badezimmer könne seine Vorteile habe. Ihnen wurde spürbar klar, wie hilfreich es ist, so die zerschundenen Glieder zu kurieren. Doch was machten sie zu Hause daraus?
Statt Marmor und Mosaiken holten Sie grobe Holzbohlen und nackte Mauern, statt verführerischem Luxus karge Nützlichkeit in Ihr Bad. Die Badezimmer der Ritter waren erbärmliche Notlösungen, verglichen mit ihrem arabischen Vorbildern. Aber ihnen ging es eben auch nicht so sehr um sinnliches Erlebnis als um das Ergebnis, sich hinterher erholt zu fühlen. Am Anfang verbrannten sich die deutschen Badezimmerbesitzer des Mittelalters zwar noch die Kehrseite bei Experimenten mit der Heiztechnik- ein Ofen direkt unter der Metallbadewanne war eine allzu heiße Idee -, aber durch Irrtümer kam man auf Patentlösungen, legte ein Brett auf den Wannenboden und vermied Ausrutscher beim Aussteigen, indem man Holzplatten im Badezimmer verlegte. Dieses Beispiel illustriert, was das zweite Muster bedeutet. Prinzipiell gibt es zwei Interessanlagen: Verbesserung der Badetechnik und Verfeinerung der Bad-Ästhetik. Früh zeichnete sich ab, was sich bis heute gehalten hat: dass die Frage des Badezimmers eine Frage des Typs ist.
Der rationale Typ legte mehr Wert auf Hähne und Heizung, auf die angenehme Form und Größe der Wannen und Becken. Der emotionale Typ will im Bad mental entspannen, will eintauchen in eine Welt, die alle Sinne verwöhnt, die auch duftet, glänzt, schimmert und schmeckt. Gerade hierzulande hat ein Sinneswandel eingesetzt, der eigentlich nahe liegend ist; gelten die deutschen Hersteller und Handwerker doch weltweit wegen ihrer Begeisterung für Innovation und ihrer vielzitierten Perfektion als führend. Zurecht, wie jeder weiß, der seine Erfahrungen mit Hotelbadezimmern in verschiedenen Ländern gemacht hat. Doch bisher wurde dieses Angebot von den meisten nur as Badetechnik genutzt, um den alltäglichen Reinigungsprozess reibungs- und problemlos zu gestalten. Jetzt erst wird dieses Angebot erkannt als Anregung zur Badelust. Denn die Badekultur hat unauffällig einen völligen Imagewandel erlebt. In den jungdynamischen 80er Jahren hatte es für die meisten etwas Ältliches, Kränkliches, Schwächliches, ausgiebig in der Wanne zu dümpeln, in einem Vollbad mit Kräuterzusätzen sich von Unterwasserdüsen massieren zu lassen oder von speziellen Duschen. In ein Heilbad zu reisen, das war, wie einen Seniorenteller zu bestellen. Urlaub in Marienbad oder Karlsbad, Bad Reichenhall oder Bad Kissingen passte nicht zu Leuten in schwarzen Flitzern mit Spoiler. Das Freizeitverhalten war expansiv; es wuchs nach außen, nicht nach innen. Die Fernreise wurde zum Muss, Urlaub zu Hause zur Last. Das von Trendforschern so oft beschworene Cocooing, das wachsende Bedürfnis, sich einzuspinnen im Koken der Privatsphäre - es schien nicht wirklich zum Trend geworden zu sein. Es wird heute nicht mehr, sondern immer weniger nach Hause eingeladen zum kleinen intimen Abendessen. Kinos und Bars und Fitnesscenter verbuchen hingegen Zuwächse. Doch es handelt sich beim Cocooning trotzdem nicht um eine Fehlprognose. Es zeigt sich nur an anderer Stelle und auf andere Weise als vorhergesagt: im Bad und in der neuer wachten Badelust. Denn dort finden Menschen jene Geborgenheit, die sie suchen angesichts wachsende Existenz- und Zukunftsängste. Baden empfinden Menschen wie eine wortlose, beruhigende und zugleich kraftspendende Umarmung. Wasser als Lebenselixier zu bezeichnen, ist zwar eine Sentenz, die gern gebraucht wird, bedacht wird sie allerdings weniger. Dass fast alle SCHÖPFUNGSMYTHEN DER Welt mit dem Wasser zu tun haben, dass in allen Kulturkreisen dieser Welt die Analogie von Wasser, Leben und Seele bekannt ist, dass Götter, Weltenschöpfer und Helden aus dem Wasser geboren wurden, scheint selbstverständlich, ist doch ohne Wasser kein Leben möglich. Leonardo da Vinci hat in seinem Buch über das Wasser ausgedrückt, was jeder unbewusst weiß: dass die Magie dieses Elements in seiner Widersprüchlichkeit liegt, dass es eben nicht nur das Leben, sondern auch den Tod bringen kann, dass es voller Gegensätze steckt. Heiß und eiskalt sein kann, salzig und süß, giftig und heilsam, duftend oder stinkend, trübe oder klar, wild oder ruhig, tosend oder still. Es ist wie das Leben selbst und wie das Leben ewig im Wandel begriffen. Jeder versteht, warum Heraklit in einem einzigen Satz das Wesen der Existenz zusammenfasste: „Panta rhei“-alles fließt. Wie viel das Wasser kann, weiß jeder aus eigener Erfahrung: es kann reinigen und heilen, erotisieren und sedieren, es kann erfrischen und wohlig müde machen und den Schwimmer stärkt es auch noch.
Selbst die Sprache verrät, wie viel wir dem Wasser zutrauen. Wir reden vom Jungbrunnen und von sprudelnder Phantasie, vom Quell des Lebens, auch davon, etwas in Fluss zu bringen oder eine Sprache fließend zu sprechen. Wasser ist für uns in jeder Hinsicht selbstverständlich. Zu selbstverständlich: 80 Länder, in denen 40 % der Weltbevölkerung leben, sind von akutem Wassermangel bedroht. Weil uns Wasserknappheit weitgehend fremd ist, haben wir die Dankbarkeit für das Wasser verlernt. Das neue Jahrtausend lässt uns nun innehalten und auf Elementares besinnen. Auf elementare Bedürfnisse und Erlebisse. Und lässt uns verstehen, dass Saint-Exupery sich vor dem Wasser verneigte: „Du schenkst uns“, hat er dem Element gedankt, „ ein unbeschreiblich großes und einfaches Glück.“
Dass auch in Zukunft das Bad eine große Rolle spielen wird, in einer Generation der zahlreichen Erben und Doppelverdiener, in einer Zeit ständig wachsenden Körperbewusstseins, setzt Überlegungen in Gang. Und führt zu Spezialisierungen im Handwerk wie die des Bäderbauers. Er ist Experte für das Badezimmer geworden. Wichtige Fragen stellen sich Ihm: Was wird die zentrale Aufgabe sein für alle, die mit der Badausstattung zu tun haben? Dass es sich weiterhin bei 75 % nicht um Neueinrichtungen, sondern um Renovierungen von Altbädern handelt. Und 70 % dieser Badezimmer nur 6 Quadratmeter groß und fensterlos sind. Deswegen müssen die Verbraucher davon überzeugt werden, dass es überhaupt keine technischen Probleme mehr gibt, ihr Traumbad auf Minimalraum zu verwirklichen. Dass sie sich verabschieden können von dem faden System ,Immer-an-der-Wand-lang`. Und mit Computergraphiken lässt sich perfekt vorführen, wie das individuelle Bad dann aussehen wird. Was ist denn technologisch noch an Neuerungen zu erwarten? Einerseits neue Geräte zur Wasseraufbereitung, in denen Wasser zum Beispiel mit Kohlensäure versetzt wird; das bringt einen hohen Entspannungseffekt auf der Haut. Anderseits wird Elektronik im Hintergrund dafür sorgen, dass sich das Bad immer mehr auf die individuellen Bedürfnisse des Benutzers einstellt. Wenn er das Bad betritt, findet er bereits die Temperatur und die Beleuchtung vor, die er am liebsten hat. Auch Badewassertemperatur und Brausestrahl sind so auf persönliche Vorlieben voreinstellbar. Individualkomfort dieser Art kennt er Verbraucher bereits heute z.B. aus dem Bereich des gehobenen Automobilsbaus. Grundsätzlich wird in Zukunft jedoch die Technik im Hintergrund verborgen sein und das ursprüngliche Emotionalgeprägte Wassererlebnis im Vordergrund stehen. Wer aber kein Technik-Freak ist, sondern das Badezimmer emotional verbessern will, dem wird eine Einheit von Schlaf- und Wohnbereich angeboten. Neu wird daran sein, dass die Wände flexibel sind, so dass man ganz nach Lust und Laune diesen Raumtäglich anders gestalten kann. Welches Bedürfnis wird das Bad vor allem befriedigen müssen, egal ob jemand einen rationalen oder emotionalen Zugang dazu hat? Es muss Geborgenheit vermitteln. Denn die Sehnsucht danach wird weiter wachsen. Aber wie soll sich ein Mensch heute noch in diesem Überangebot an Badezimmerausstattung zurechtfinden? Indem er feststellt, welcher Typ er ist. Deshalb werden regelrecht Stimmungswelten entworfen. Das sind Szenarien, die die Lebenshaltung von verschiedenen Gruppen erfassen. Von der Musik, die jemand liebt über Einrichtung bis zum Kleidungsstil. Wenn jemand feststellt, in welcher dieser Welten er zu Hause ist, weiß der Badexperte, wie er sich sein Bad vorstellt. Ob er eher eine historisierende, traditionsbezogene, eine pragmatisch-moderne oder aber eine kühn-avantgardistische Erlebniswelt sucht. Damit kann man vielleicht einen emotionalen Typ überzeugen, aber einen rationalen wohl kaum. Deswegen haben Designer analog dazu Funktionswelten konzipiert. Das sind Collagen, in denen es um Betätigungen geht. Wer sich in der Welt der Fitness wieder erkennt, braucht eben ein anderes Bad als einer, der aufatmet Beim Anblick von Natur und Wanderwegen.
25000 bis 30000 Mark auszugeben für einen Badumbau ist ja mittlerweile durchaus üblich. Warum sind die Kunden zunehmend bereit, so viel auszugeben? Weil das Bad in Zukunft der Lebens-Mittelpunkt sein wird und Küche oder Wohnküche, in die bisher ähnliche Summen investiert wurden, aus dieser Rolle verdrängen wird. Das Bewusstsein, für sich verantwortlich zu sein, hat Wellness und Fitness so wichtig werden lassen. Und das Bad ist der ideale Ort, um Stress loszuwerden, um sich zu entspannen und neue Energie aufzubauen. Deswegen verkaufen sich ja Massageduschen und –bäder, aber auch Aromagrotten für den Privatbedarf immer besser. Ich will zum Abschluss kommen.
So kann und muss das Handwerk auch heute wieder dazu beitragen solche elementaren Bedürfnisse des Menschen zu entdecken, zu befriedigen und Lösungen anzubieten. Gestalterisch eine Welt mitzuformen, die nicht nur eine Farbe kennt, sondern aus dem vollen schöpft, sich verantwortungsbewusst an Schöpfer und Natur orientiert, das alles kann und muss Aufgabe und Ziel sein. Vielleicht auch Überlebenschance für das alte Handwerk selbst, um in einer immer globaler denkenden und handelnden Welt individuelle Lebensräume zu schaffen und zu erhalten.
So grüße ich Sie mit dem Handwerkerspruch aller alten Zünfte „Gott segne des ehrbare Handwerk.“
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